Grenzüberschreitungen

Predigt über Matthäus 15, 21–28 am 17. Sonntag nach Trinitatis

Jesus verließ Gennesaret und zog sich in das Gebiet von Tyros und Sidon zurück. Da kam eine kanaanäische Frau aus dieser Gegend zu ihm.
Sie schrie: »Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!
Meine Tochter wird von einem bösen Dämon beherrscht!«
Aber Jesus gab ihr keine Antwort. Da kamen seine Jünger zu ihm und baten:
»Schick sie weg! Denn sie schreit hinter uns her.«
Aber Jesus antwortete: »Ich bin nur zu Israel gesandt, dieser Herde von verlorenen Schafen.«
Aber die Frau fiel vor ihm auf die Knie und sagte: »Herr, hilf mir doch!«
Aber Jesus antwortete: »Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.«
Die Frau entgegnete: »Ja, Herr! Aber die Hunde fressen doch die Krümel, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen.«
Darauf antwortete Jesus: »Frau, dein Glaube ist groß!
Was du willst, soll dir geschehen!«
In demselben Augenblick wurde ihre Tochter gesund.

Liebe Gemeinde,

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort „Grenzüberschreitung“ hören?

Ich persönlich habe bei diesem Wort eher erstmal negative Assoziationen. Bestimmte Grenzüberschreitungen lassen sich als Grenzverletzungen verstehen. Ich denke daran, wie Menschen – absichtlich oder unabsichtlich – die persönlichen Grenzen einer anderen Person überschreiten.

Das kann manchmal vollkommen gut gemeint, aber für die andere Person trotzdem unangenehm sein. Junge Eltern bekommen häufig – ungefragt – eine Fülle an Erziehungs- und Ernährungstipps für den eigenen Nachwuchs. Ich habe immer halb die Krise bekommen, wenn andere Menschen „helfen“ wollten und ungefragt zugriffen, wenn ich als Papa mein Kind ins Tragetuch gewickelt habe. Das sind nur kleine Grenzüberschreitungen, vielleicht auch einfach nur meinen eigenen Grenzen und Bedürfnissen geschuldet. Es gibt aber auch die ganz großen, existenziellen Grenzverletzungen, die wir leider in letzter Zeit viel zu oft in den Nachrichten hören bei aller Gewalt in vielen Teilen dieser Welt, wo Grenzen von Leib und Leben und des Völkerrechts nicht mehr respektiert werden.

Es gibt aber auch positive Formen von Grenzüberschreitungen. Manchmal überschreiten wir gefühlte Grenzen unserer selbst, um uns weiterzuentwickeln. Es ist bei Kindern ganz wunderbar zu beobachten, wenn sie nach und nach Durchbrüche erzielen: die ersten Worte, die ersten Schritte, wenn sie dann Schwimmen und Fahrradfahren lernen, von zu Hause ausziehen… Grenzen haben etwas schillerndes. Sie können schützen, sie können aber auch den Weg versperren. Sobald Grenzen nicht mehr dem Schutz der Schwachen dienen, sondern das Leben am Wachstum hindern, ist es gut, wenn sie durchbrochen werden.

Unser heutiger Predigttext hat gleich mehrere dieser positiven Grenzüberschreitungen. Als Vorbild dient uns Jesus. Dieser Jesus zieht eigene Grenzen, aber überschreitet auch Grenzen. Zunächst ist es schlicht und ergreifend eine Ortsgrenze: Jesus verließ Gennesaret und zog sich in das Gebiet von Tyros und Sidon zurück.

Der See Genezareth, das ist die Gegend, in der Jesus seine ersten Jünger rekrutierte und so richtig bekannt wurde mit seinen Worten und Taten. Er bekam Follower sozusagen. Aber irgendwann wird der Ruhm anstrengend. Jesus zieht sich zurück, so wie er hin und wieder auch allein auf Berge stieg, um zu beten. Jesus zeigt Grenzen. Sagen Sie sich das ruhig, wenn es Ihnen manchmal schwerfällt, Nein zu sagen: Auch Jesus zeigt Grenzen.

Jesus geht in eine Gegend direkt am Mittelmeer, zu den dortigen Küstenstädten Tyros und Sidon. Dort wurde seit jeher Handel betrieben und die Wirtschaft lief ganz anders als im Landesinneren.[1] Diese Städte lebten nicht von der Fischerei und der Landwirtschaft. Man baute dort Schiffe und trieb Handel im gesamten Mittelmeerraum. Es sind keine jüdischen Menschen, sie glauben an andere Götter. Jesus hat keine Scheu vor diesen Menschen. Dabei gibt es üble Gerüchte über diese Gegend. Jesus kennt die alten Geschichten, wie das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten ins gelobte Land zog, umgeben von feindlichen Völkern. Jesus kennt die Geschichte seines Volkes, das immer wieder Gewalt erleben musste durch fremde Invasoren – Ägypten, Assyrien, Babylonier, Griechen, nun die Römer... Aus der Fremde kommt nichts Gutes, so heißt es. Kanaaniter, so nennt man die Fremden damals. Kanaaniter, das ist keine klare Herkunftsbestimmung, das ist der Inbegriff für einen Fremden. Für den jüdischen Hörer schwingt in diesem Wort etwas Bedrohliches mit. Und in der Erzählung heißt es: „Da kam eine kanaanäische Frau zu ihm.“

Und jetzt passiert die zweite Grenzüberschreitung. Die fremde Frau wendet sich proaktiv an Jesus. Sie redet ihn mit einem Ehrentitel an: „Du Sohn Davids.“ Wer so redet, der kennt sich aus mit der jüdischen Kultur. Diese Frau weiß anscheinend, dass es einen großen König gab in Israel mit Namen David, der eine ganze Dynastie gegründet hat, Generationen von Königen nach sich zog. So lange, bis dem Königtum in Jerusalem gewaltsam ein Ende bereitet wurde. Die Frau weiß anscheinend auch, dass Jesus von einigen Menschen als Nachkomme Davids betrachtet wird, dass sie ihn als König verehren. Und sie übernimmt diese Ehrenbezeichnung und überschreitet damit eine kulturelle Kluft zwischen ihrer Herkunft und der jüdischen Herkunft Jesu. Sie bittet Jesus um Hilfe, ihre Tochter ist krank, von einem Dämon besessen, heißt es. Dämonen sind im Neuen Testament eine Chiffre für seelische Krankheiten, aber auch für traumatische Gewalterfahrungen.[2] In der jüngeren Forschung werden Dämonen oft mit den Gewalterfahrungen durch die römische Besatzungsmacht in Verbindung gebracht – Dämonen als Metaphern für Traumata, die Menschen besetzen und quälen. Die Küstenstädte und die jüdischen Provinzen sind verbunden durch gemeinsame Leiderfahrungen.

Aber Jesus zeigt sich zunächst gar nicht bereit für diese Grenzüberschreitung der fremden Frau. »Ich bin nur zu Israel gesandt, dieser Herde von verlorenen Schafen.« Jesus hat eine Grenze gezogen. Aber die Frau bleibt hartnäckig. Sie möchte ihren Glauben daran, dass Jesus ihr wirklich helfen kann, nicht fallenlassen. So fällt sie Jesus vor die Füße und fleht ihn an. Und Jesus entgegnet ihr mit einer von ihm ungewohnten Härte: »Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.« Implizit werden hier die Fremden als Hunde bezeichnet, ein auch in antiken Ohren beleidigendes Vokabular, eine Kränkung. Diese Kränkung wiederum hat einen Grund. Oft waren es die Bewohner der Küstenstädte, die in Dürrezeiten der Landbevölkerung die spärliche Nahrung wegkaufte. Jesus leidet mit seinen Landsleuten und trägt ihre Schmerzerfahrungen mit. Die Frau wiederum leidet mit ihrer Tochter mit. Wer weiß, ob sie überhaupt zu den Wohlhabenden gehört. Es erscheint nicht fair, dass sie von Jesus als eine von den „Hunden“ diskriminiert wird. Spätestens hier wäre ein Punkt erreicht, an dem sich ein normaler Mensch, sichtlich gekränkt, aus der Affäre ziehen würde. Mit diesem Jesus ist nicht zu diskutieren. Aber diese Frau ist unglaublich stark.

Sie überschreitet eine weitere Grenze, die Grenze der Verhaltensregeln und Konventionen. Nach antiken Gepflogenheiten war es absolut unerhört, wenn eine Frau einem Lehrer öffentlich widerspricht. Was sie macht, sprengt jeden Rahmen. Sie fängt an, genau wie die Männer, mit Jesus zu debattieren, und zwar unglaublich schlau und gewitzt. Sie zeigt menschliche Größe, weil sie nicht dem Hang erliegt, zurückzupöbeln. Dabei hätte sie jeden Grund dazu, Jesus für diese Beleidigung die Meinung zu geigen. Aber sie nimmt den Vergleich von Jesus ernst und wendet ihn argumentativ zu ihren Gunsten: „Wenn ich ein Hund bin, dann ist es doch rechtens, wenn ich wenigstens ein paar Krümel bekomme, die vom Tisch der Herren herunterfallen.“ Damit zeigt sie das Vertrauen, dass selbst ein klitzekleines Stück von der Segenskraft Jesu ihr bzw. ihrer Tochter helfen wird. Jesus ist beeindruckt – und hilft ihr.

Was hier gezeigt wird, ist eine unglaubliche Begegnung, darauf liegt der Fokus der Erzählung. Die Heilung an sich wird dann fast beiläufig erzählt. Das entscheidende liegt davor. Es begegnen sich zwei Menschen, die sich gemäß ihrer Fremdheit und den gegenseitigen Vorurteilen eigentlich gar nicht begegnen dürften. Aber es passiert, dadurch, dass Grenzen der eigenen Weltsicht überschritten werden.

Und zum Schluss ist es auch Jesus, der sich berühren lässt vom Mut und dem Glauben dieser Frau. Er ändert seine Meinung und damit ändert er auch bestimmte Bilder von sich selbst. Jesus ist nicht der patriarchale König, der seine Befehle und Urteile durchdrückt. Jesus ist kein Autokrat, wie es sie heute noch gibt, sei es in Washington oder in Moskau oder wo auch sonst, wo Menschen von ihren Machtinteressen getrieben sind und dafür über Leichen gehen. Jesus sucht nach wahrhaftigen Begegnungen, die heilsam sind, Vorurteile beseitigen, Traumata heilen.

Mich berührt dieser Text. Und er fordert mich heraus in zwei Richtungen. Er ermahnt mich, den Erfahrungshintergrund anderer Menschen zu berücksichtigen und mich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen. Er ermutigt mich aber auch, hin und wieder aus der eigenen Komfortzone auszuscheren und Menschen zu begegnen, die anders sind. Gebe Gott uns die Kraft zu beidem.

Und der Friede Gottes, der alle Grenzen unserer Erfahrungen und Gedanken übersteigt, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen


[1] Zur Frühgeschichte der Stadt Sidon vgl. u.a. Markus Sauer: Art. „Sidon“ auf WiBiLex (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/28525/).

[2] Die vielfältigen Interpretationen der neutestamentlichen Dämonenerzählungen lassen sich online nachlesen unter: Christian Wetz, Art. „Dämonen / Dämonenbeschwörung (NT)“ auf WiBiLex (https://bibelwissenschaft.de/stichwort/46933/).

— Pfr. Dr. Clemens Schneider, Oktober 2026