Predigt – 15.03.2026 Karfreitag: "Fern und nah zugleich"

Plakat karfreitag

Fern und nah zugleich

Lesung: Johannes 18,28 – 19,1

Da führten sie Jesus von Kaiphas vor das Prätorium; es war aber früh am Morgen.
Und sie gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet. Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten. […]

Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir’s andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier. Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.
Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen:
Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?
Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber.
Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln.

Musik[1]: Johann Sebastian Bach, Arie aus der Johannes-Passion (BWV 245) für Bass

Betrachte, meine Seel, mit ängstlichem Vergnügen,
Mit bittrer Lust und halb beklemmtem Herzen
Dein höchstes Gut in Jesu Schmerzen,
Wie dir aus Dornen, so ihn stechen,
Die Himmelsschlüsselblumen blühn!
Du kannst viel süße Frucht von seiner Wermut brechen;
Drum sieh ohn Unterlaß auf ihn!

Lesung: Johannes 19,16b–30

Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte,
die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.
Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König.
Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.
Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!
Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter!
Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Predigt

Liebe Gemeinde,

Gott schließt Frieden mit dieser Welt.
Das klingt schon nach einem Predigtschluss. Das klingt so harmlos, so nett.
Gott schließt Frieden mit dieser Welt.
Aber an diesem Satz fehlt noch der entscheidende Punkt:
Gott schließt Frieden mit dieser Welt – am Kreuz.
Und plötzlich ist überhaupt nichts mehr harmlos, da wird es herzzerreißend.
Vor dem Kreuz Jesu findet sich ein riesiges Spektrum menschlichen Erlebens und Verhaltens.

Da hängt Jesus am Kreuz, geschunden, gequält und leidend. Mit etwas Abstand stehen die Verantwortlichen, streng getrennt nach Volkszugehörigkeit. Pontius Pilatus und hohe Beamte des Jerusalemer Tempels sehen zu. Mit eiskaltem Kalkül opfern sie einen Menschen – zum Wohle des römischen Imperiums und zum Zwecke des eigenen Machterhalts. Am Kreuz stehen die Soldaten, die ihre Befehle befolgen und darüber hinaus noch Spaß daran haben, einen Menschen zu misshandeln. Da fällt es mir schwer, noch Menschen zu erblicken. Da sehe ich Fratzen, grausam und unmenschlich. Es stehen dort noch andere, die den Leidenden auslachen in einem Tonfall, den ich aus Kommentarspalten kenne. „Anderen hast du geholfen, aber kannst dir nicht mal selbst helfen.“ (vgl. Mt 27,42) Andere haben anscheinend kein Schamgefühl, beobachten das Geschehen mit gaffendem Zuschauerblick. Wieder andere können es kaum noch ertragen, wenden den Blick ab. Und letztlich gibt es doch auch die menschliche Anteilnahme, die im mittelalterlichen Gedicht Stabat Mater beschrieben wird – Es stand die Mutter schmerzensreich.

Die Menschen am Kreuz Jesu sind ein Spiegel menschlichen Erlebens und Verhaltens. Das Kreuz spiegelt aber auch meine eigenen, so unterschiedlichen Regungen und Gefühle. Und an diesem Punkt wird das Kreuz unangenehm:

In dieser Grausamkeit, dieser scheußlichen Unmenschlichkeit wird sichtbar, wie unendlich weit wir Menschen von Gott entfernt sind, der uns zu seinen Ebenbildern erwählte. Und gleichzeitig wird am Kreuz sichtbar, wie unendlich nah wir Gott doch sind. Eben weil da nicht irgendein Mensch leidet, sondern Jesus, mit dem die Liebe Gottes Gestalt annahm.

Diese immense Spannung der Kreuzestheologie bringt Johann Sebastian Bach wie kaum ein anderer musikalisch zur Geltung. Bach fügt in seiner Johannespassion den biblischen Evangelientext, Kirchenlieder und zeitgenössische Dichtungen zu einer sinnreichen Collage zusammen. Immer wieder wird die Handlung durch Rezitative, Arien und Choräle kommentiert und reflektiert.

Damit ist die Johannespassion viel mehr als die Wiedergabe eines historischen Geschehens. Bachs Musik lädt ein, sich das Geschehen persönlich anzueignen. Das ist das Großartige – da wird nicht mit dem Finger auf die „anderen“ gezeigt, „die Bösen, die Fremden, die da oben…“. Bachs Musik legt den Finger in die Wunde, nämlich in uns selbst, unsere eigenen negativen Regungen, unsere Verfehlungen, unser Versagen vor Gott. Innerhalb der Musik wird der Wunsch nach Vergebung laut sowie das große Vertrauen auf Jesus, der uns aus der menschlichen Gottesferne herausführt durch seine große Liebe.

Die Spannung aus Gottesferne und Gottesnähe drückt sich in der Arie aus, die wir hörten: Wie dir aus Dornen, so ihn stechen, die Himmelsschlüsselblumen blühn! Sie steht im Kontext der Szene, in der Jesus vor seiner Kreuzigung von Römischen Soldaten gefoltert, gegeißelt wird. In der darauf folgenden Arie[2] heißt es:

Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken
In allen Stücken
Dem Himmel gleiche geht,
Daran, nachdem die Wasserwogen
Von unsrer Sündflut sich verzogen,
Der allerschönste Regenbogen
Als Gottes Gnadenzeichen steht!

Einerseits ist das ein schauriger Text. In der oberflächlichen Betrachtung ist das, was da passiert, eine Grausamkeit. Da steht ein Mensch, übelsten Schlägen ausgeliefert, mit Striemen, Blutergüssen, gedemütigt und gefoltert. Ein Sinnbild der Gewalt, die Menschen imstande sind einander anzutun – bis heute. Da steht jemand, der im Machtspiel der Mächtigen zum Opfer wird, so wie auch heute Menschen darunter leiden, dass die Mächtigen ihre Ziele mit Gewalt umsetzen.

Aber die Erde war verderbt vor Gott und voller Frevel. (1. Mose 6,11) So steht es im ersten Buch Mose, in der Geschichte von der Sintflut. Das ist keine historische Beschreibung, das ist die Beschreibung unserer Welt, über alle Zeiten hinweg. Da geht gravierend etwas schief in unserer Welt. Das sehen wir in den Nachrichten. Das sehen wir an Jesus, wie er unschuldig leidet. Im alten Mythos der Sintflut schickt Gott die Flut, um die Gewalt zu brechen. Aber nach dieser Flut, da ist die Welt noch genauso, wie sie ist: verderbt und voller Frevel. Aber Gott entschließt sich dazu, sie zu bewahren. Und als Zeichen dafür stellt er den Regenbogen an den Himmel, als Gnadenzeichen. Nicht, weil die Welt perfekt ist, steht der Regenbogen da, sondern obwohl die gute Schöpfung von Gewalt pervertiert wurde. So erscheint die Schönheit des Regenbogens als passiver Widerstand, als Zeichen des Friedens in einer friedlosen Welt.

Die dichterische Deutung der Geißelung Jesu in Bachs Johannespassion setzt an diesem Punkt an. Rein äußerlich hat der verwundete Rücken Jesu die Farben des Leidens angenommen. Im Lichte der Deutung werden diese Farben als Zeichen des Friedens gedeutet, als Regenbogen. Gott macht seinen Frieden mit dieser Welt – aber nicht nach menschlicher Logik, sondern ganz anders. Gott verwandelt die Welt nicht in einen Garten Eden, noch nicht. Unter den Bedingungen dieser Welt, da versöhnt sich Gott mit uns – nicht indem er die Bedingungen ändert, sondern indem er sich in Jesus Christus ihren Bedingungen unterwirft und sie gerade darin über den Haufen wirft. Gott solidarisiert sich mit den Leidenden, weil Jesus ihr Elend mit erleidet. Da bekommt das Wort Mitleid eine ganz neue Bedeutung. Jesus leidet mit.

Jesus leidet mit den Opfern von Gewalt, Bomben und Terror. Er leidet mit den Hungernden und Dürstenden, die sich nach einer würdigen Existenz sehnen. Er leidet mit den Misshandelten, deren von Gott gegebene Würde mit Füßen getreten wird. Er leidet mit den Opfern sexualisierter Gewalt, die zu Objekten der Begierde und der Machtansprüche anderer gemacht werden. Jesus leidet mit. Und alle, die in Jesus die Gestalt gewordene Liebe Gottes erblicken, sehen etwas Ungeheuerliches: Gott leidet mit. Jesus, der in göttlicher Gestalt kam, demütigt sich selbst. Und so bekommt unser Dasein eine ganz neue Würde, eine ganz neue Qualität gerade in den Momenten des Leidens oder Scheiterns. Gott selbst begibt sich in den finstersten Dreck menschlicher Existenz, begibt sich auf Augenhöhe – und trägt unser Leiden und Scheitern mit.

Wer im Leiden von Jesus sich selbst erkennt als Teil dieser gefallenen Welt, der hat allen Grund zum Heulen. Da bricht die Sündflut herein, so wie sie über Maria hereinbrach, die Mutter Jesu. Da stand die Mutter schmerzensreich… Da zerreißt es ihr das Herz – ihr und allen mitfühlenden Menschen. Da zerreißt ein geliebter Mensch, der da am Holz hängt, zu Tode gefoltert. Der Vorhang im Jerusalemer Tempel zerreißt gemäß dem Passionsbericht bei Matthäus (Mt 27,51).[3] Der Vorhang im Tempel zerreißt, so wie Menschen damals als Zeichen der Trauer ihre Kleider zerrissen. Der Vorhang im Tempel zerreißt, der vormals das Allerheiligste als Wohnstube Gottes in dieser Welt von den äußeren Bereichen des Tempels abtrennte. Damit deutet der Evangelist womöglich an, dass eine Barriere zwischen Gott und Mensch verschwindet. Denn nicht nur die Menschen zerreißen am Kreuz Jesu, äußerlich und innerlich. Gott selbst nimmt Anteil am Leben und Sterben von uns Menschen. Und so zerreißt letztlich auch der Himmel über dem Kreuz Jesu. „Es ist vollbracht.“ Das ist das letzte Wort. Der Gekreuzigte neigt das Haupt, kann vor Schmerzen nichts mehr sagen. Der Kopf sackt nach unten. Der sterbende Jesus, im irdischen Licht betrachtet das Sinnbild einer gefallenen Welt, rettungslos verloren in den Spiralen menschlicher Selbstsucht und Gewalt. Aber im Sterben Jesu, im Neigen seines Kopfes, wird Gottes ewiges Versprechen sichtbar: Ja, ich mache Frieden mit dieser Welt. Ich bleibe bei euch, selbst im Leiden und Sterben.

Und so scheint auf das grausame Geschehen noch ein anderes Licht,
Licht in den Farben des Regenbogens.

Und der Friede Gottes, der all unsere menschlichen Horizonte übersteigt,
der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

Musik[4]: Arie und Choral aus Johann Sebastian Bach Johannes-Passion (BWV 245)

Mein teurer Heiland, laß dich fragen,
da du nunmehr ans Kreuz geschlagen
und selbst gesagt: Es ist vollbracht,
Bin ich vom Sterben frei gemacht?
Kann ich durch deine Pein und Sterben
das Himmelreich ererben?
Ist aller Welt Erlösung da?
Du kannst vor Schmerzen zwar nichts sagen;
doch neigest du das Haupt
und sprichst stillschweigend: ja.

Jesu, der du warest tot, lebest nun ohn Ende,
In der letzten Todesnot nirgend mich hinwende
als zu dir, der mich versühnt, o du lieber Herre!
Gib mir nur, was du verdient, mehr ich nicht begehre!


[1] Unter folgendem Link kann die Arie gehört werden: https://www.youtube.com/watch?v=XOPme2GfPjw&list=RDXOPme2GfPjw&start_radio=1

[2] Als Höreindruck kann dienen: https://www.youtube.com/watch?v=EYilrBgD-XQ&list=RDEYilrBgD-XQ&start_radio=1

[3] Diesen Textabschnitt vertont Bach im Rahmen seiner Johannes-Passion (BWV 245) sehr ausdrucksstark. Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=GJ30rMVMnco&list=RDGJ30rMVMnco&start_radio=1 Den Abschnitt aus einem anderen Evangelium fügte Bach ein gemäß dem damals leitenden Grundsatz, dass sich die Berichte der Evangelien gegenseitig ergänzen wie Berichte verschiedener Augenzeugen.

[4] Als Hörbeispiel kann dienen: https://www.youtube.com/watch?v=f_4jmQ-qgJc&list=RDf_4jmQ-qgJc&start_radio=1

— April 2026