Pesterwitz
Predigt – 07.06.2026 – 1. Sonntag nach Trinitatis: "Solidarisch bleiben"
Solidarisch bleiben
Predigt über Apostelgeschichte 4, 32–37
1. Sonntag nach Trinitatis am 7. Juni 2026, Treff am Brunnen Zauckerode
Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.
Liebe Gemeinde,
irgendwie klingt mir das im ersten Moment viel zu sehr nach Friede Freude Eierkuchen: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ Da sehe ich verklärte Augen, wohliges Seufzen. Ach ja. Früher. Schön. Wir hatten ja nichts, damals. Aber dieser Zusammenhalt…
Bevor ich jetzt auf eine ganz falsche Straße abbiege: Nein, hier geht es nicht um DDR-Nostalgie! Ich mag es nicht, wenn die Vergangenheit allzu sehr verklärt wird um als Kontrastfolie zu dienen für alles, was heutzutage anders läuft als damals. Auch im Hinblick darauf, was die biblische Überlieferung über die Anfänge der christlichen Gemeinschaft erzählt, gilt Vorsicht. An dieser Stelle der Apostelgeschichte klingt alles so schön, so harmonisch. Aber wenn wir in den Briefen von Paulus lesen, dann wissen wir auch, dass es da auch handfesten Streit gab, etwa zwischen Paulus selbst und den führenden christlichen Autoritäten in Jerusalem Petrus und Jakobus. Und wir wissen, dass Paulus fleißig Kollekten gesammelt hat unter seinen Gemeinden, Kollekten für die Christliche Gemeinschaft in Jerusalem. Da war Geld anscheinend bitter nötig.
Es ist wichtig zu wissen: Anders als die Paulusbriefe, die zum ältesten Schriftgut des Neuen Testaments zählen und sich ganz direkt aus der Missionstätigkeit des Apostels speisen, ist die Apostelgeschichte ein Werk späterer Zeit, vermutlich erst 100 Jahre nach Christus entstanden. Über die Anfänge der Kirche wird in der Retrospektive berichtet, frei nach Hermann Hesse: Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. In die Anfänge der Christenheit wird ein Idealbild hineingelegt: Eintracht, Teilen, Helfen. An diesem Idealbild sollen sich die antiken Adressaten der Apostelgeschichte bemessen, wo auch immer sie sich befinden, ob in Jerusalem, in irgendeiner Hafenstadt am Mittelmeer oder auch in Rom. Als christliche Gemeinschaft gilt es, weltweit solidarisch zu sein! Und damit katapultiert mich der Text schlagartig in unsere heutige Wirklichkeit: Heute gilt es erst recht, solidarisch zu bleiben!
Eine bestürzende Botschaft
In den vergangenen Tagen erhielten alle Hauptamtlichen und Kirchenvorstände unseres Kirchenbezirks eine bestürzende Botschaft. Die finanzielle Lage unserer Landeskirche ist alarmierend. Bis 2030 muss im KB Freiberg ca. ein Drittel aller Stellen im Verkündigungsdienst eingespart werden. Das hat verschiedene Gründe, die die Landeskirche teilweise gar nicht selbst in der Hand hat.
Erstens schwinden unsere Mitgliederzahlen, aus demographischen Gründen und aus Gründen von Kirchenaustritten. Zweitens steigen die Personal- und Energiekosten viel gravierender, als man es vor wenigen Jahren noch dachte. Drittens, und das ist auch entscheidend, sind die Finanzen unserer Landeskirche auch abhängig vom EKD-Finanzausgleich. Das heißt, in alter Terminologie gesprochen, die westdeutschen Landeskirchen geben Geld an uns. Dieser Finanzausgleich bröckelt gerade gewaltig, weil die westdeutschen Landes-kirchen noch viel mehr an Mitgliedern verlieren. Die Volkskirchlichkeit, die bei uns angesichts der DDR-Religionspolitik schon zerstört wurde, löst sich in den Alten Bundesländern gerade auf. Eigentlich haben wir hier in Sachsen keinen großen Einfluss auf diese Bedingungen, außer vielleicht im Hinblick auf Austritte.
Gründe von Austritten sind vielzählig. Den einen passt es nicht, dass homosexuelle Paare – zumindest in der Theorie – im Pfarrhaus leben dürfen, wenn der konkrete Kirchenvorstand einmütig ist. Ich betone das Wort Theorie, weil es in der Praxis quasi nicht vorkommt. Anderen ist Kirche zu konservativ. Manchen Menschen waren die Rahmenvereinbarungen der Landeskirche in der Corona-Pandemie zu restriktiv, wobei die Verantwortung der Umsetzung ja in den Kirchgemeinden lag. Schließlich gibt es auch Menschen, die wegen bestimmter Positionen der EKD unserer Landeskirche den Rücken kehren, etwa im Hinblick auf die Friedensethik. Es gibt Menschen, die wegen der Missbrauchsskandale ausgetreten sind. Und es gibt Menschen, die sich weigern, im Rahmen der Präventionsmaßnahmen ein Führungszeugnis vorzulegen und austreten.
Ich bin manchmal ratlos und frustriert, weil ich das Gefühl habe, dass es Kirche einigen Menschen niemals recht machen kann. Kirchenaustritte sind vielleicht auch ein Zeichen unserer Zeit, wo Meinungsverschiedenheiten oft nicht mehr offen diskutiert werden, sondern zu tiefen persönlichen Gräben führen. Das frustriert mich, weil es mich auch persönlich trifft als kirchliche Amtsperson. Was machen wir als Kirche falsch?
Wir sind wenige, werden vielleicht auch noch weniger, aber wir bewegen etwas
Und dann trifft mich aus der Apostelgeschichte ein zentraler Satz: Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Diese Kernbotschaft ist wichtig! Bei der Auferstehung Jesu geht es um nichts Geringeres als um eine unvorstellbare Hoffnung, um Leben, das aus der tiefsten Leblosigkeit entspringt. Wir als Kirche sind weit entfernt davon, leblos zu sein. Wir sind wenige, werden vielleicht auch noch weniger, aber wir bewegen etwas, davon bin ich überzeugt. Mit diesem Blick sollten wir in die Zukunft gehen, nicht mit übertriebener Nostalgie gegenüber der Vergangenheit und einem fundamentalen Pessimismus angesichts der aktuellen Zustände. Es wird sich viel ändern, es muss sich viel ändern, das ist notwendig. Wenn in unserem Kirchenbezirk bis 2030 Stellen gespart werden, heißt das zunächst erstmal, dass vakante Stellen nicht automatisch nachbesetzt werden. Es obliegt dann den Kirchenbezirken, gut zu begründen, weshalb die ein oder andere Stelle wesentlich ist. In solchen Situationen gibt es mehrere Möglichkeiten: Wie ein Platzhirsch die personellen und finanziellen Ressourcen an den eigenen Ort ziehen und sich abschotten. Oder: Solidarisch bleiben nach dem Vorbild der Urgemeinde, wie sie in der Apostelgeschichte beschrieben wird. Gaben und Ressourcen teilen. Über den Tellerrand schauen.
Wir Hauptamtlichen werden fortan nicht mehr alles selbst stemmen können, was an den einzelnen Orten früher einmal gemacht wurde. Wir Hauptamtlichen müssen uns gut vernetzen und den Zusammenhalt im Blick behalten. Ich selbst werde vorwiegend, aber auch nicht unbedingt an jedem Sonntag in meiner Pesterwitzer Kirche predigen, wenn woanders große Löcher sind. Die Kirchgemeinde Tharandt hat seit dieser Woche keine Pfarrerin mehr. Und in Freital geht eine der beiden Pfarrerinnen Ende des Jahres in den Ruhestand – das wird sportlich für die Verbliebenen! Was vor Ort passieren wird, das hängt noch entscheidender als früher an der Gemeinde selbst – wer sich in welcher Weise einbringt mit seinen Begabungen und Ressourcen. Da hat die Kirchgemeinde Pesterwitz in drei Jahren Vakanzzeit schon eine Menge Erfahrungen gesammelt und Hervorragendes erreicht. Im September sind Kirchenvorstand-Wahlen, dann geht es in eine neue Runde! Wie ich schon sagte: Ich mag keinen pauschalen Pessimismus. Lasst uns solidarisch bleiben. Und weil sich das so einfach sagt, aber die Konkretion dann oft schwieriger wird, hier von mir drei Beispiele, wie Teilen funktionieren kann.
Manchmal geht Teilen über die Grenzen von Kirchenzugehörigkeit hinaus.
Vorletzten Freitag war großes Sommerfest in unserem Christlichen Kinderhaus Samenkorn in Potschappel. Ich versprach, unsere Biertischgarnituren von der Kirchgemeinde beizusteuern. Allein der Transport bereitete mir Kopfzerbrechen. Durch Hinweis eines Kirchvorstehers wendete ich mich an den Chef vom Gut Pesterwitz. Ich durfte den gesamten Freitag lang den Transporter benutzen. „Ja Herr Schneider, ich stell Ihnen den am Morgen auf den Hof, Schlüssel lass ich stecken, das passt so.“ So viel Vertrauen und Solidarität vor Ort, das ist großartig!
Zweitens, da denke ich an das Engagement hier unten vor Ort in Zauckerode – wenn Menschen so viel Zeit und Muße bereithalten, um diesen Raum mit Leben zu füllen, Frauendienste, Männerstammtische, für das leibliche Wohl und Kulturprogramm sorgen, sich um die Deko kümmern, sauber machen, da passiert so viel ganz selbstverständlich fernab der Öffentlichkeit. Mittlerweile gibt es hier eine ehrenamtliche Rentenberatung in diesen Räumen, wo jemand seine Expertise teilt mit Menschen, die genau diese Art der Beratung brauchen. Da lebt Kirche!
Und drittens noch etwas Persönliches. Letztes Jahr sprach die Tharandter Pfarrerin von ihrem Wunsch, für ihren letzten Konfirmationsgottesdienst eine für die Jugendlichen passende Verkündigung mit entsprechender Musik auf die Beine zu stellen. Da dachte ich an meine Leidenschaft, für Jugendliche zu predigen und den Pesterwitzer Jugendchor unserer Kantorin Anne Horenburg. So wurde lange im Voraus ein Gastspiel des Jugendchores in Tharandt vorbereitet mit zwei Popsongs, die wir dann gleich nochmal bei der Pesterwitzer Konfirmation aufführen konnten. Ich hielt eine Predigt, die ich mit leichten Anpassungen erst für die Tharandter und dann für meine eigenen Pesterwitzer Konfis halten konnte. Für die Pesterwitzer war gesorgt, es gab einen klassischen Gottesdienst mit guter Vertretung auf der Kanzel und an der Orgel. Und so konnten wir mit einer Vorbereitung gleich zwei ganz wunderbare Gottesdienste feiern. Und das hatte sogar noch ein Nachspiel. Ich war gerade auf Weiterbildung, da schickte mir meine Frau ein Bild. An der Türschwelle am Pfarrhaus war von einer Familie aus Tharandt etwas abgegeben worden. Da stand ein Getränkekasten mit Limoflaschen, Schoki und Knabbereien. Und mit dabei eine Postkarte: „DANKE! Lieber Jugendchor und Herr Schneider, wir möchten uns noch einmal ganz herzlich für die tolle musikalische Gestaltung zum Konfirmationsgottesdienst bedanken. Es war ein ganz besonderes Erlebnis, vielen Dank dafür. Wir wünschen weiterhin viel Freude beim gemeinsamen Singen. Herzliche Grüße.“
Vielleicht ist es ja gar keine nostalgische Geschichtsverklärung, sondern eine Verheißung:
„Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“
Und der Friede Gottes, der alles übersteigt, was wir erkennen und erfahren, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen